Nationalpark Neusiedlersee – Seewinkel
Natur erwandern
Der Steppen-Nationalpark ist das Ziel unzähliger Radler. Der wahre Naturfreund sollte freilich öfters vom Drahtesel auf den Rappen des Schusters wechseln, meint Günter Baburek

Der Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel ist ein Paradies für Hobby-Ornithologen. Nirgendwo sonst in Österreich bietet sich eine derart vielfältige Vogelwelt dar, nirgendwo sonst läßt sich der Tagesablauf der Gefiederten derart gut beobachten. Das Paradies hat allerdings auch seine Schattenseite, die sich umso deutlicher zeigt, je höher die Sonne am Himmel steht und je wärmer die Tage werden.
Dann bekommt jenes kleine Häuflein von Vogelfreunden, das im Gebiet um die Lange Lacke oder im Bereich Illmitz-Hölle mit Feldstecher oder Spektiv unterwegs ist, übermächtige Konkurrenz durch ganze Heerscharen von Radfahrern, deren Geschnatter jenes der ihre Gässel führenden Graugänse mühelos übertönt.
Gewiß, auch per Rad lassen sich Vogelbeobachtungen machen. Die zahlreichen Höckerschwäne auf der Illmitzer Zicklacke oder auf einem der beiden Stinkerseen sind ebenso wenig zu übersehen wie Stock- und Schnatterenten, Silber- und Graureiher, Bläßhühner, Lach- und Weißkopfmäven, die hoch in der Luft ihre Kreise ziehen und dabei nach Futter Ausschau halten, oder Stare, die im Herbst zum Mißvergnügen der Weinbauern in Schwärmen auftreten.

Wer aber einen Blick auf einen der seltenen Löffler, auf einen Rohrammer, Schilfrohrsänger oder Rotschenkel werfen will, tut gut daran, den Drahtesel im Stall zu lassen und stattdessen auf Schusters Rappen unterwegs zu sein. Ganz ohne Fahrzeug kommt der Hobby-Ornithologe freilich auch im Seewinkel nicht aus. In der nur 140 Hektar großen Bewahrungszone Waasen-Hansag findet man mit Glück ein Juwel dieser Region: die Großtrappe. Ganze 15 Exemplare von diesem größten flugfähigen Vogel der Welt sind derzeit hier anzutreffen. Wer mit Spektiv ausgerüstet ist, ist deutlich im Vorteil. Viel näher als 150 bis 200 Meter kommt man an diesen Vogel nämlich nicht heran.
Ein anderes, wenn auch nicht ganz so seltenes Juwel, der farbenprächtige Bienenfresser, ist ebenfalls im Gebiet um den Neusiedler See zu finden. Am Ungerberg bei Weiden, nicht weit von der Raststation Zum Steckerlfisch entfernt, nistet er in einer Läßwand. Erstaunlicherweise in Gesellschaft von mehreren Exemplaren des Steinkauzes. Der Österreich-Aufenthalt des Bienenfressers ist allerdings zeitlich begrenzt. Spätestens Mitte August geht es wieder zurück nach Afrika.
Ein Erlebnis der besonderen Art ist der kühleren Jahreszeit vorbehalten. Etwa ab Mitte Oktober lässt sich an der Langen Lacke für einige Wochen der Gänsestrich beobachten. Hunderte, manchmal sogar Tausende von Grau-, Saat- und Bläßgänsen auf Durchzug Richtung Süden kommen knapp vor Einbruch der Dämmerung von ihren Weidegründen zurück, um hier die Nacht auf dem Wasser zu verbringen. Sie läsen dabei die fast eben so zahlreichen Enten ab, die zur selben Zeit das Wasser Richtung Schlafplätze verlassen.
Günter Baburek ist Wirtschaftsredakteur der Zeitung DER STANDARD
aus: “Der See – Zeitschrift für das Land zum Leben”

Nationalpark Neusiedler See Seewinkel
A-7142 Illmitz, Hauswiese
Telefon +43 (0) 21 75 – 34 42
Fax +43 (0) 21 75 – 34 42 – 4
info@nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at
www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at